Big in Japan – ein Erfahrungsbericht vom anderen Ende der Welt

Ja wo laufen sie Zen?

In den letzten Jahren war es mir mehrfach vergönnt, Vorträgen von Sumusu Sasabe lauschen zu dürfen. Zwei Mal davon im Rahmen des Software Engineering Camps, zu dem er auf unsere Einladung hin extra aus dem fernen Tokio anreiste. In einem faszinierenden Vergleich zeigte er 2016 Unterschiede zwischen der japanischen und der deutschen bzw. europäischen Kultur auf. Zuletzt begeisterte er 2017 zum Thema „Zen und Software Engineering“, als er erklärte, wie man Prinzipien des Zen auf seine tägliche Arbeit übertragen kann. Völlig fasziniert habe ich versucht viele der Anregungen aus den beiden Vorträgen, für mein berufliches als auch privates Leben zu übernehmen. So zum Beispiel Kaizen, das Prinzip der ständigen Verbesserung.

Als man mich wenig später fragte, ob ich Interesse hätte, in Japan einen Unit-Test-Workshop zu halten, musste ich nicht lange überlegen. Das wäre die perfekte Möglichkeit die Prinzipien des Zen und die kulturellen Unterschiede aus erster Hand mitzuerleben. Ein paar meiner Eindrücke schildere ich hier.

Wenn einer eine Reise tut …

© Benjamin Klüglein
Christoph, Sasabe-san und ich in Japan © Benjamin Klüglein

Im Dezember 2017 war es dann soweit, mein geschätzter Kollege Christoph Menzel und ich, machten uns auf ans andere Ende der Welt. Neben besagtem Workshop in Yokohama, stand auch noch ein Aufenthalt in Tokio auf dem Plan. Dort hatten wir die große Ehre und das Vergnügen, dass sich uns Sasabe-san als Fremdenführer anbot. Und man kann sich keinen besseren Fremdenführer vorstellen!

Wir durften mit ihm drei Tage die Kultur und die Menschen dieses faszinierenden Landes intensiv kennen lernen. Ich kann vorwegnehmen, noch nie hat mich ein Land so beeindruckt wie Japan.

Meine persönlichen Helden des Alltags

Fast 10 Millionen Menschen leben in Tokio, weit in die 30 Millionen wenn man die Metropolregion betrachtet. Viele davon nutzen den öffentlichen Personennahverkehr. Trotz dieser Menge an Menschen geht es in der Metro unglaublich entspannt zu. Die Züge kommen pünktlich, sind sauber und vor allem kann man sie alle mit derselben Karte fahren. Und das fast im kompletten Land, über verschiedene Betreiberfirmen hinweg. Man stelle sich vor, man löst in Nürnberg ein Ticket und kann damit in Hamburg und in München für die Öffentlichen bezahlen. Ein Wunschgedanke in Deutschland, wunderbare praktische Realität in Japan.

Es fällt an vielen Stellen auf, dass man sich Gedanken über einen reibungslosen Ablauf macht. Als wir einmal in die Metro hinuntersteigen wollten, hielt uns ein freundlicher Herr in Uniform ein Schild unter die Nase. Dort stand auf Japanisch und Englisch geschrieben, dass aufgrund von Bauarbeiten eine Abfahrt in unsere Richtung von dieser Seite aus nicht möglich sei. Anstatt nun Zeit und Nerven auf dem falschen Gleis zu verschwenden, sind wir dank des Hinweises ganz entspannt von der anderen Seite unserer Wege gezogen. Hier hat sich offensichtlich ein Verantwortlicher in seine Fahrgäste hineinversetzt und sich die Frage gestellt, wie können unnötige Unannehmlichkeiten in dieser Situation vermieden werden.

Einen Tisch für zwei bitte

Wer nach Japan reist darf sich auf viele kulinarische Höhepunkte freuen. Neben der deutlichen Unterschiede in der Küche, fällt aber auch die unterschiedliche Organisation in und um Restaurants auf.
Statt wie hier oft üblich auf einen freien Tisch zu stürmen, oder sich in den Stuhlreihen herumzudrücken bis etwas frei wird, findet man am Eingang vieler Restaurants in Japan eine Namensliste.
In die trägt man seinen Namen und die Anzahl der Personen ein und nimmt im Anschluss entspannt auf Stühlen außerhalb des Speisesaals platz. Wird ein Tisch frei, so wird man freundlich an den entsprechenden Tisch gebeten. Kein Streit mit anderen Gruppen, die einen Tisch ebenfalls für sich beanspruchen, sondern klar strukturierte Abläufe.

Dies sind nur zwei kleine Beispiele, wie ich sie im japanischen Alltag erlebt habe, mir zeigen sie jedoch, dass man Kaizen dort als Gesellschaft lebt und stets bestrebt ist, selbst die kleinen Dinge beständig zu verbessern. Für mich eine der großen Lehren aus dieser Reise:

„Versuche jeden Tag ein bisschen besser zu werden.“

Konkreter bedeutet das für mich: mehr Emacs-Shortcuts, mehr Skripte und mehr automatisierte Jenkins-Jobs.

Abwarten und Tee trinken

„Wir Japaner genießen den Prozess des Zubereiten des Tees, genauso wie den eigentlichen Tee selbst“.
Das hatte mir Sasabe-san einmal beim gemeinsamen Mittagessen in unserer Kantine in Erlangen erklärt.
Dieser Satz mag für einen Europäer reichlich eigenartig klingen. Für uns in Deutschland zählt häufig nur das Endprodukt und der Weg dorthin ist lästige Pflicht. In Japan ist es durchaus üblich, bei der Zubereitung des Tees oder beim Anfertigen des Sushis zu zusehen. Das ist Teil des kulinarischen „Erlebnisses“. Man kann sich selbst ein Bild von der Sorgfalt der Zubereitung machen, sieht selbst wie der Matcha aufgerührt und wie viele Drehungen in der Hand der Sushi-Meister für ein Nigiri braucht. Die Herstellung wird zelebriert und es lohnt sich. Noch nie habe ich köstlicheren Tee getrunken oder besseres Sushi gegessen, als in meiner Zeit in Japan.

© Benjamin Klüglein
© Benjamin Klüglein

Für mich ist das ein wunderbares Beispiel für:

„Wenn man sich auf den Prozess konzentriert, kommt das Ergebnis von ganz alleine.“

Wenn im Zweifel, sei ein Zen-Garten

Eines der ersten Dinge, die einem einfallen, wenn man als Europäer an Japan denkt, sind sicherlich Zen-Gärten. Auch wir in Europa haben schöne Gärten. Die Gärten von Versailles beispielsweise. Symmetrie heißt dabei das Stichwort, nichts bleibt hier dem Zufall überlassen.

Ein Zen-Garten ist völlig anders. Er verzichtet bewusst auf Symmetrie und ist dennoch wunderschön.
Befindet sich ein Fels oder ein Bachlauf im Gelände, so wird er integriert, nicht etwa entfernt. Sein Schöpfer nimmt die gegebene Situation an und macht aus ihr das Beste. Diesen bewussten Umgang mit Widrigkeiten finde ich faszinierend und motivierend zugleich. Denn in jedem Projekt-Alltag begegnen wir Dingen wie unwartbaren Alt-Systemen, mangelnder Dokumentation und lückenhaften Anforderungen. Dinge, bei denen wir oft nicht in der Lage sind, sie zu ändern.

Was wir dennoch tun können ist, im Zweifel einfach ein Zen-Garten zu sein, die Widrigkeiten zu akzeptieren und sie bestmöglich zu nutzen. Auf die Software-Welt übertragen könnte man beispielsweise das Alt-System hinter einer schönen API mit ausführlicher Dokumentation verbergen…

Ich weiß, dass ich nicht weiß

Am Eingang des bekannten Meiji-Schreins hängt folgendes Zitat des Kaisers Meiji:

„By gaining the good and rejecting what is wrong, it is our desire that we will compare favourably with other lands abroad.“

Obwohl Japan wegen seiner Lage für lange Zeit relativ isoliert vom Rest der Welt war, merkt man an vielen Stellen, dass man keine Angst hat von überall zu lernen. Vielen Speisen merkt man den Einfluss Chinas an. Genauso sind die japanischen Schriftzeichen von chinesischen abgeleitet.

Das obige Zitat selbst steht neben einer großen Wand aus Weinfässern aus der Bourgogne. In ihrem Streben nach ständiger Verbesserung, nehmen die Japaner sehr gerne Wissen aus anderen Kulturen auf. Anders als bei uns, wo mir oft der Eindruck entsteht, dass Ideen Ablehnung erfahren, alleine schon deswegen von wem oder woher sie kommen. Frei nach dem Motto, was der Bauer nicht kennt …

Fazit

Noch nie hat mich ein Land so in seinen Bann gezogen wie Japan und noch nie war ich so entspannt unter so vielen Menschen wie in Tokio. Ich kann nur jedem wärmstens ans Herz legen, einmal dorthin zu reisen. Es gibt unglaublich viel zu sehen und zu lernen, vieles davon lässt sich direkt auf ein Leben als Software Engineer anwenden.

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