Tut das weh oder kann das weg? Risikoanalyse – Teil 1

Risiken – Müssen wir sie betrachten? – Die Antwort ist einfach: JA!
Ihr fragt euch jetzt wahrscheinlich: Aber warum?

Denkt zum Beispiel an euer Smartphone oder Tablet. Was haben diese Produkte gemeinsam? Richtig, sie brauchen elektrische Energie, um zu funktionieren. In unserem Fall haben die Produkte einen Akku der regelmäßig aufgeladen werden muss. Deswegen brauchen sie ein Ladekabel, um die elektrische Energieversorgung zu gewährleisten.

Habt ihr euch deswegen schon einmal Gedanken darüber gemacht, welches Risiko von so einem Ladekabel ausgehen kann? Also nicht nur für das Produkt, sondern auch für den Anwender?

Was macht eine Risikoanalyse?

Genau das betrachtet eine Riskoanalyse. Welches Risiko geht von einem Produkt für den Anwender aus? Das Risiko ist dabei eine Kombination aus der Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer Gefährdungssituation und des Schweregrades.

Hinweis: im Folgenden beziehe ich mich auf das allgemeine Vorgehen bei Risikoanalysen. Je nachdem, in welchem Bereich man unterwegs ist, unterscheiden sich Risikoanlaysen aber auch. In der Medizintechnik ist das Vorgehen einer Risikoanalyse in der ISO 14971 genauer beschrieben.

Was ist eine Gefährdung und Gefärdungssituation?

Um das Vorgehen besser zu verdeutlichen, führe ich im ersten Schritt eine Risikoanalyse für ein  Smartphone durch. Da ich es einfach halten will, konzentriere ich mich im Folgenden nur auf das Ladekabel. In der Realität würde man natürlich das ganze System „Smartphone“ betrachten.

Stellen wir uns daher vor, dass ein Hersteller ein neues Smartphone mit einem revolutionären Ladekabel auf den Markt bringen möchte. Bei diesem Ladekabel wird kein Steckernetzteil mehr gebraucht, sondern die 230V aus der Steckdose werden direkt mit dem Smartphone verbunden.

Spielen wir die Risikoanalyse also anhand des 230V Ladekabels durch:

Gefährdung Gefährdungssituation
Elektrischer Schlag Der Nutzer biegt das Kabel, was zu einem  Kabelbruch führt, und steckt es
anschließend in die Steckdose. Dabei kommt es zu einer Berührung des
Nutzers mit dem Stromkabel an der defekten Stelle.

Notiz: Natürlich kann ein elektrischer Schlag auch noch durch andere Gefährdungssituationen wie zum Beispiel einem defekten Stecker ausgelöst werden. Diese Gefährdungssituation würde man dann als neue Zeile in der Tabelle oben abbilden. Daher stellt der Kabelbruch also nur eine von vielen möglichen Gefährdungssituationen dar.

Eintrittswahrscheinlichkeit

Nachdem ich nun eine Gefährdung und eine mögliche Gefährdungssituation gefunden habe, berechne ich im nächsten Schritt die Eintrittswahrscheinlichkeit für die Gefährdungssituation.

Für unser 230V Ladekabel habe ich die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen Kabelbruch mit anschließendem Laden folgendermaßen berechnet:

Ich gehe davon aus, dass die Lebensdauer eines Smartphones zwei Jahre beträgt. Da bei jedem neuen Smartphone ein Ladekabel mitgeliefert wird, beträgt die Lebensdauer des Ladekabels ebenfalls zwei Jahre. Das entspricht somit also circa 2*365 Tage = 730 Tage.

Ein durchschnittlicher Smartphone-Nutzer lädt sein Smartphone einmal pro Tag. Bei jedem Ladezyklus steckt er das Kabel einmal ein und einmal wieder aus. Daher werden bei jedem Ladezyklus zwei Biegezyklen des Ladekabels durchlaufen.

Dadurch ergeben sich für 730 Tage Lebensdauer eines Ladekabels bei meiner Rechnung 2*730 = 1.460 Biegezyklen.

Um die Eintrittswahrscheinlichkeit anhand einer Skala besser einordnen zu können, habe ich mir folgendes überlegt:

  • Nahe 0: Gefährdungssituation tritt bei 10.000 Biegezyklen 1 Mal ein
    -> Tritt bei 1.460 Biegezyklen nicht ein
  • Gering: Gefährdungssituation tritt bei 1.000 Biegezyklen 1 Mal ein
    -> Tritt bei 1.460 Biegezyklen 1,46 Mal ein
  • Mittel: Gefährdungssituation tritt bei 100 Biegezyklen 1 Mal ein
    -> Tritt bei 1.460 Biegezyklen 14,6 Mal ein
  • Hoch: Gefährdungssituation tritt bei 10 Biegezyklen 1 Mal ein
    -> Tritt bei 1.460 Biegezyklen 146 Mal ein
  • Sehr hoch: Gefährdungssituation tritt bei 1 Biegezyklen 1 Mal ein
    -> Tritt bei 1.460 Biegezyklen 1.460 Mal ein

Nach diesen Überlegungen ordne ich die Eintrittswahrscheinlichkeit für die vorliegende Gefährdungssituation daher bei „Mittel“ ein:

Gefährdung Gefährdungssituation Eintritts-wahrscheinlichkeit
Elektrischer Schlag Der Nutzer biegt das Kabel, was zu einem Kabelbruch führt, und steckt es anschließend in die Steckdose. Dabei kommt es zu einer Berührung des Nutzers mit dem Stromkabel an der defekten Stelle. Mittel

 

Schweregrad

Nachdem wir nun die Eintrittswahrscheinlichkeit für unsere Gefährdungssituation festgelegt haben, können wir uns um dem Schweregrad kümmern.

Der Schweregrad kategorisiert den Schaden beim Eintritt einer Gefährdung und lässt sich in meinem Beispiel in folgende Klassen einteilen:

  • S1: kein Schaden oder vorübergehendes Unbehagen
  • S2: temporäre Verletzung, die keine medizinische Versorgung benötigt
  • S3: temporäre Verletzung, die eine medizinische Versorgung benötigt
  • S4: dauerhafte oder lebensbedrohliche Verletzung
  • S5: Tod von einer oder mehreren Personen

Da ich bei einem 230V Ladekabel davon ausgehen kann, dass ein elektrischer Schlag lebensgefährlich sein kann, ordne ich es in der Tabelle folgendermaßen ein:

Gefährdung Gefährdungssituation Eintritts-wahrscheinlichkeit Schweregrad
Elektrischer Schlag Der Nutzer biegt das Kabel, was zu einem Kabelbruch führt, und steckt es anschließend in die Steckdose. Dabei kommt es zu einer Berührung des Nutzers mit dem Stromkabel an der defekten Stelle. Mittel S4

Somit haben wir mögliche Risiken identifiziert und bereits angefangen, sie zu bewerten.
Im zweiten Teil betrachten wir wie die weitere Risikobewertung und wie man Risiken mitigiert. Den Blogbeitrag findet ihr in Kürze hier.

Ein Gedanke zu „Tut das weh oder kann das weg? Risikoanalyse – Teil 1

  1. Roland Rontzen Antworten

    Hallo Kerstin,

    danke für den Artikel. Allerdings finde ich den dargestellen Fall für eine Risiko-Analyse eher ungünstig. Bei deinem Beispiel würde eine FMEA bessere Ergebnisse liefern.

    Viele Grüße
    Roland

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